Wie unterscheidet sich ein Reisender von einem Touristen?

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Das Ziel eines Reisenden auf seinen Reisen ist, in die Kultur des besuchten Landes einzutauchen, ja, in gewisser Weise möglichst auch ein Teil von ihr zu werden. An oberster Stelle steht sein Bemühen, diese von innen kennenzulernen. Sie sich zu vereinnahmen und so weit wie möglich wie ein Einheimischer wahrgenommen zu werden, beziehungsweise Zutritt zu ihrer Welt zu bekommen und als Mitglied der Gemeinschaft akzeptiert zu werden.

Er unterscheidet sich darin von einem typischen Touristen, dessen Ziel, ein Land kennenzulernen, schon allein aufgrund der begrenzten Zeit, immer nur oberflächlich sein kann. Ein Tourist besucht fremde Orte immer nur für eine begrenzte Dauer, in Form eines Urlaubs. Ein Reisender hingegen wird sich für eine längere Zeit im fremden Land aufhalten.

Die Dauer des Aufenthalts hat noch mehre Konsequenzen. Während der Tourist ein gewisses Budget für die Reise eingeplant hat und es sich je nachdem mehr oder weniger bequem in der Urlaubsdestination machen kann, sich also zum Beispiel vorübergehend in Hotels und Restaurants aufhält und Touristenattraktionen aufsucht, wird der Reisende versuchen, mit möglichst kleinem Budget auszukommen. Anstatt in teuren Hotels zu übernachten wird er günstige Herbergen und Privatzimmer bevorzugen. Eventuell wird er sogar versuchen, in der Fremde eine Beschäftigung zu bekommen um die Kosten für den langen Aufenthalt bestreiten zu können und so gleichzeitig noch mehr mit der einheimischen Gesellschaft zu verschmelzen.

Während der Tourist auch am Urlaubsort den Komfort seiner Heimat genießt und zum Beispiel nur den Zugang zu verfälschter Küche hat beziehungsweise sucht, macht sich der Reisende auf eine ernsthafte Suche nach dem Echten, Unverfälschten. So wie der Tourist sich vorwiegend auf ausgetretenen Pfaden bewegen wird, ja ohne einen ortskundigen Führer auch muss, wird der Reisende seine Umgebung mit Muße erkunden. Er wird es als wichtig erachten, Bekannt- und Freundschaften mit Ortsansässigen zu schließen. Über seine Kontakte wird er in den Genuss kommen, im privatem Kreis zwischen Einheimischen die echte regionale Küche kennenlernen. Während er sein Leben so mit der Bevölkerung teilt und sie ständig und ausschließlich um sich hat, wird er den Charakter eines Landes und das Temperament seiner Einwohner erschließen können. Im besten Falle wird er sich auch der Landessprache ermächtigen können.

Ein Reisender macht keine Fotos, zumindest nicht als Souvenir oder Beweis für seinen Aufenthalt. Es geht ihm nicht um Oberflächlichkeit. Den Daheimgebliebenen von seinen Reisen zu berichten ist sekundär. Während der Tourist seine Heimat immer nur für kurze Abstecher verlässt, bricht der Reisende meist alle seine Zelte ab um sie woanders komplett neu aufzubauen. Er lässt sich kompromisslos auf einen bestimmten Ort ein, während Touristen unbewusst versuchen, diesem die eigenen Erwartungen überzustülpen. Die Betonung liegt wohlbemerkt auf dem Wörtchen „unbewusst“, denn die meisten Menschen wollen nicht als „dumme Touristen“, sondern als Reisende gesehen werden. Ein wahrer Reisender ist man aber nur, wenn man seinen kompletten Alltag zurücklässt und gänzlich vorbehaltlos durch die Welt zieht. Beide reisen immer aus Eigennutz. Jeder will etwas sehen, etwas lernen, seinen Horizont erweitern – der eine mehr, der andere weniger. Gäste sind alle. Der Reisende erarbeitet sich jedoch ein Bleiberecht.